Machen Medien dumm? Kritische Anmerkungen zum ZDF-Frontal21-Bericht

Machen Medien Dumm?

Das ZDF-Magazin “Frontal 21″ scheint eine neue Ursache für das PISA-Versagen auszumachen: In seiner Sendung am 30.11.2004 berichtete es unter der Überschrift “Kinder werden immer dümmer” über das neue Phänomen der “Medienverwahrlosung”. Als Kronzeugen werden Christian Pfeiffer, der Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsens, und der Hirnforscher Henning Scheich zitiert.
Im ersten Fall zeigen die ersten Ergebnisse einer Studie des KFN zur “Medienverwahrlosung”, dass insbesondere in Kinderzimmern von Jungen sehr viel Technik des Platz verstopft – vom CD-Player bis zum Computer ist da in vielen Fällen alles vorhanden. Diese – statistische – Beobachtung inspiriert Pfeiffer zu der medienpädagogisch verwegenen These, dass Jungen seit 1988 dümmer würden und man daher heute einen deutlich größeren Anteil von Mädchen hätte, die höhere Schulen besuchten.
Nun gibt es zahllose Untersuchungen im schulpädagogischen Bereich und in der Pädagogischen Psychologie, die mit ganz unterschiedlichen Foschungsdesigns genau diese Frage ausführlich untersucht haben und auf vielfältige Faktoren stießen – allein, die Anhäufung DVD-Playern spielt meines Wissens nach in keiner einzigen dieser Studien eine entscheidende Rolle, zumindest nicht in einem kausalen Zusammenhang. (Aus dem Filmbericht ging nicht hervor, ob Herrn Prof. Pfeiffer der aktuelle Forschungsstand auf diesem Gebiet bekannt ist.)
Nun machen sich Erkenntnisse aus der Hirnforschung in diesen Zusammenhängen neuerdings immer gut (die Bestseller-Bücher von Spitzer lassen grüßen), so dass man natürlich auch von dieser Seite Unterstützung erhält.

Das ZDF-Magazin konstatiert einen “bedrohlichen Verdacht” wenn Henning Scheich davon spricht, dass Reizüberflutung eben Gelerntes überdeckt und damit die Behaltensleistung verringert. Auch wenn hier Botenstoffe und “Gehirnareale” als Beleg aufgeführt werden – mit Verlaub, diese simple Tatsache war den Reformpädagogen schon im letzten Jahrhundert bekannt. Und alle Studien dazu belegen, dass diese Effekte bei jeder Reizüberflutung auftreten. Sicher im Fall von Nachmittagsfernsehen. Sicher auch im Fall von Computerspielen direkt nach dem Unterricht. Aber eben auch bei der nachmittäglichen Hetze vom Klavierunterricht zum Ballettunterricht, von Tankstellenjob zum Discobesuch usw. usw. usw.
Jedenfalls, so die These von Scheich, “sonst müssen wir uns vielleicht damit abfinden, dass unsere neuen Generationen in gewisser Weise dümmer sind.”

Tja, was soll man zu derartig leichtfertigen Thesen sagen? Wenn man die Untersuchungen zur Medienwirkungsforschung der letzten vier Jahrzehnte betrachtet, kann man angesichts derartig oberflächlicher Berichte eigentlich nur den Kopf schütteln. Noch immer werden hier eingängig Korrelationen und Scheinkorrelationen mit kausalen Beziehungen gleichgesetzt. Personen, die auf “irgendeine” Weise vor den Gefahren von Medien schützen möchten, nutzen selbst die Medien, um Halbwahrheiten unter das Volk zu bringen. Das ist in der Tat bedenklich.

Um nicht falsch verstanden zu werden: Natürlich ist es nicht gut, wenn sich Jugendliche permanent von allen möglichen Dingen “berieseln” lassen und natürlich leiden darunter auch Behaltensleistungen. Aber was hier die wesentlichen Ursachen sind, z. B. dass im Elternhaus keine attraktiven Angebote gemacht werden oder dass die Erwachsenen auch keinen Aus-Knopf finden, das sollte man seriös untersuchen. Mit derartig oberflächlichen Behauptungen, wie sie im Filmbericht geschahen, schadet man der Sache mehr, als man ihr dient. Oder, um den Schluss-Satz auf der ZDF-Homepage “Per Mausklick in die Dummheitsfalle” zu wenden: Der Klick auf die Fernbedienung kann in manchen Fällen entscheidend gefährlicher als der Mausklick sein …

  1. Balbina Laye schrieb:

    Das finde ich auch zu einfach, alles auf die Medien und ihre Technologie zu schieben. Sehr altmodisch!

    Ich denke. dass Fernsehen, Computer und Filme Kinder eigentlich "intelligenter" machen – sofern sie die Inhalte mit einer Person ihres Vertrauens besprechen könnten. Es ist eine große Datenflut (aber die ist es in der Schule auch) und diese muß in-Form gebracht werden. Das wäre die Aufgabe der Eltern und Erzieher.

    Leider scheitert es, wie so oft, auch an der Erziehung der Erzieher (Schiller). Es ist leichter, immer zu "unken"!

    BL

  2. Gerhard schrieb:

    Was "Herbert" hier schreibt sollte man sich drei oder viermal durchlesen.
    Ganz genau.

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    Tja, was soll man zu derartig leichtfertigen Thesen sagen? Wenn man die Untersuchungen zur Medienwirkungsforschung der letzten vier Jahrzehnte betrachtet, kann man angesichts derartig oberflächlicher Berichte eigentlich nur den Kopf schütteln. Noch immer werden hier eingängig Korrelationen und Scheinkorrelationen mit kausalen Beziehungen gleichgesetzt. Personen, die auf "irgendeine" Weise vor den Gefahren von Medien schützen möchten, nutzen selbst die Medien, um Halbwahrheiten unter das Volk zu bringen. Das ist in der Tat bedenklich.
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    Alldings emfpände ich es legitim, die gleiche Argumentationskette auch auf diesen Artikel anzuwenden.

  3. Herbert schrieb:

    Gerhard – gerne kannst Du das auch auf meinen Artikel anwenden. Aber so ganz verstehe ich nicht, was Du mit diesem Satz meinst.
    Vielleicht meinst Du damit, dass auch in der Vergangenheit Studien versucht haben, ähnliche Zusammenhänge herzustellen? Schon klar, aber dazu müssten wir uns jetzt jede dieser Studien anschauen, was hier ja nicht das Thema war (ansonsten kann ich Dir auch gerne die entsprechende Literatur nennen). Zwei Dinge waren an diesem Filmbericht ganz offensichtlich:
    1. Es wurde sehr manipulierend oder, wie SPIEGEL-ONLINE das nennt, “holzschnittartig” gearbeitet.
    2. Es wurde Korrelation mit Kausalität verwechselt.
    Nochmals: Du kannst gerne anderer Ansicht sein, aber für eine Diskussion wäre es hilfreich, wenn Du dann präzise beschreibst, was Deine eigene Einstellung ist.

    Wenn es Dir darum gehen sollte, welche einzelnen Untersuchungen ich für meine Position anführe, dann bitte ich Dich um etwas Geduld. In der "c't" Anfang kommenden Jahres wird ein ausführlicher Artikel von mir dort erscheinen.

  4. Gerhard schrieb:

    Hallo Herbert,
    mit meinem Schlußsatz wollte ich drauf hinweisen, daß alles was du hier dem Frontal21 Beitrag "vorwirfst" auch auf deinen Artikel angewandt werden kann.

    Du sprichst von "leichtfertigen Thesen", "oberflächlichen Behauptungen" und "Halbwahrheiten".
    Nun, soweit ich das sehe, trifft dies auf jede Fernsehsendung zu.
    Das liegt einfach in der Natur des Mediums Fernsehen.
    Kein Magazinformat kann sich erlauben, das angerissene Thema in angebrachter Tiefe zu behandeln.

    Gleiches gilt natürlich auch für eure Rubrik hier.

    Du kritisierst vor allem die Form des Dargebotenen und gar nicht so sehr den Inhalt, da du selbst in fast allen von dir angeführten Punkten zugestehst, daß diese stimmen ;-)

    Was allerdings bleibt ist der "Eindruck", daß die in Frontal21 vorgebrachten Thesen schlicht falsch wären.

    Einerseits führst du 40 Jahre Forschungstätigkeit auf diesem Gebiet an, andererseit schließt du mit "…Aber was hier die wesentlichen Ursachen sind, z. B. dass im Elternhaus keine attraktiven Angebote gemacht werden oder dass die Erwachsenen auch keinen Aus-Knopf finden, das sollte man seriös untersuchen."
    Ja was denn nun.
    Ist das nicht eine der Kernfrage?
    Was wurde denn bitte 40 Jahre untersucht, wenn nicht das?

    Das Problem ist doch, daß viele Eltern glauben, TV und PC wären attraktive Angebote.
    Und sie haben sogar recht, "attraktiv" sind sie ja.

    Wenn du schreibst "…Natürlich ist es nicht gut, wenn sich Jugendliche permanent von allen möglichen Dingen "berieseln" lassen und natürlich leiden darunter auch Behaltensleistungen."
    ist das auch eine Halbwahrheit.
    Die Wahrheit ist, daß sich sich kein Jugendlicher "permanent" berieseln läßt.
    Offen bleibt dann bloß, wieviel Berieselung schon zu viel ist.

    Des weiteren scheint mir die Frage nach Korrelation und/oder Kausalität nicht wirklich aufschlußreich, da dies vor allem auch eine Definitionsfrage ist.

    Medienkonsum benötigt Zeit, über die auch Kinder nicht uneingeschränkt verfügen.
    Zeit die dann auf der anderen Seite für freies Spielen, Bewegung, Entspannung, Lesen und soziale Kommunikation fehlt.
    Also ganz wesentliche Elemente des "Lernens", die durch Medienkonsum nicht ersetzt werden können.
    Aber ist der Zusammenhang dann kausal oder bloß korreliert?
    Meiner Meinung nach sollte man viel mehr von einem Feedbackmechanismus reden.
    Auf der einen Seite Eltern mit wenig Zeit, auf der anderen ein "attraktives" Medienangebot und als Bindeglied die Meinung "man tue dem Kind was Gutes".

    Insofern finde ich es durchaus positiv, wenn das Medium Fernsehen selbst das Problem thematisiert, wenn auch "plakativ" und "oberflächlich".

    gerhard
    (der mit Interesse das nächste c't erwartet)

  5. Herbert schrieb:

    Nun ja, die Unterscheidung zwischen "Berichterstattung" und "Kommentierung" hatte ich jetzt mal als bekannt vorausgesetzt. Natürlich war mein Kommentar zu der Sendung pointiert, schließlich wollte ich nicht einen Abriss der Medienwirkungsforschung bringen. Gut, lassen wir das einfach mal so stehen.

    Wichtiger erscheinen mir die inhaltlichen Fragen. Dass Du die Unterscheidung zwischen Korrelation und Kausalität für die Fragen des Frontal21 für "nicht wirklich aufschlußreich" hälst, kann ich nicht nachvollziehen. Schließlich war gerade _diese_ Verwechslung in dem Bericht doch offensichtlich (wenn man z. B. an die beiden Kurven denkt, die Pfeiffer da an die Tafel gemalt hatte – wobei ich jetzt davon ausgehe, dass du den Bericht gesehen hast). Abgesehen davon: gerade diese Unterscheidung ist _die_ zentrale Frage in der Medienwirkungsforschung.

    Übrigens brauchst du da nicht auf die c't zu "warten". Der Forschungsstand ist z. B. in den beiden Bänden von Bonfadelli oder in dem sehr empfehlenswerten einschlägigen Buch von Schenk hervorragend dargestellt.

    Ansonsten nehme ich Dein Statement gerne zur Kenntnis, schlage aber vor – damit das hier nicht zu einer endlosen 2er-Diskussion wird – die Sache an dieser Stelle zu beenden (gerne kannst Du mich über das Mail-Formular anschreiben, wenn Du noch Fragen hast).

  6. Moritz schrieb:

    Hallo zusammen
    Ich finde diese 2er-Diskussion übrigens gar nicht so uninteressant, da sie die Auswirkungen von grottenschlechter "Forschung" und deren leichtfertige Interpretation sehr gut zeigt. Ich beziehe mich dabei auf den, dem Frontal 21 Bericht zugrunde liegenden, vorläufigen Forschungsbericht unter http://www.kfn.de/medienfirstresults.pdf….
    Entscheidend ist auch meiner Ansicht nach der fundamentale Unterschied zwischen Korrelation (statistischer Zusammenhang zweier Variablen), welche nicht einmal angegeben ist und Kausalität (ursächlicher Zusammenhang zweier Ereignisse).
    Am Beispiel des dargestellten Materials ließen sich zum Beispiel auch folgende Hypothesen generieren:
    - Kinder mit schlechten Noten flüchten sich in den Medienkonsum (provokant: Früher wurden sie Fußballer).
    - Lernen hilft! Kinder die keine Zeit haben zu lernen, sind schlechter in der Schule. Wegen was auch immer (Moderatorvariable)!
    - Die elektromagnetische Strahlung der vielen angeschalteten Geräte weicht das Hirn auf (auf Basis der Daten eine mögliche Hypothese. Nicht einleuchtend ist in der Forschung kein Argument).
    - u.v.m.
    Ergo: Die dargestellte Forschung taugt nicht für Erklärungsansätze. Mit viel Wohlwollen kann daraus einige Hypothesen generiert werden.
    Randbemerkung zum Schluss: Dummheit mit schwacher Schulleistung gleich zu setzen ist Unsinn. Siehe dazu die Hochbegabtenforschung oder Albert Einstein.

  7. Nien schrieb:

    hallo
    lieber moritz, dass Albert Einstein schlecht in der schule war ist zwar zur “wahrheit” geworden hat aber wohl nichts mit den tatsächlichkeiten zu tun, denn er wurde in der schweiz benotet und dort verläuft die benotung reziprok zu unserer. eure meinungen kann ich gut teilen, den “medien” die schuld zuzuschieben ist einfach, dabei zeigen untersuchungen, insbesondere zum thema gewalt, dass es sich wohl nicht um monokausale zusammenhänge handelt. vielleicht werden kinder durch fernseh- und computerkonsum dümmer, dicker und aggressiver, doch wehr will solche aussagen schon verallgemeinert wissen und wer kann sie bestätigen und was nutzt es den kindern und jugendlichen ihnen derartige ursachen und wirkungsketten zu präsentieren.
    eigentlich wollt ich nur eine literaturempfehlung geben, für all jene die sich gern mit dem thema “Medien”beschäfftigen möchten oder es bereits tun, um differenzierter mit populistischen teilweise spitzen kommentaren und thesen umgehen zu können.
    um die vorgänge ansatzweise nachvollziehen zu können ist es vorteilhaft sich mit der funktion und den gesellschaftlichen aufgaben der massenmedien zu befassen. dazu hat insbesondere N. Luhmann (1996) in “die realität der massenmedien” interessante ansatzpunkte herausgearbeitet. alle medien offenbaren meiner meinung nach seiten die “unschönes” hervorrufen können. das war immer so, auch sprache ist gefährlich. nur debattiert heute niemand mehr über die gefahren der gesprochenen sprache. man sollte schnell lernen, dass es wichtiger ist den jugendlichen eine differenzierte beobachtung der dinge zu vermitteln, als ihnen schon jetzt negative auswirkungen auf ihre identität und entwicklung vorherzusagen. das ist eine entwertung und genau das was ihnen nicht dazu verhilft mit den (wohl eine teilweise überforderung darstellenden) erscheinungen (individualisierung, pluralisierung etc. umzugehen.

  8. buibui.de » Vom Verschwinden der Handschrift schrieb:

    [...] Die letzten Jahre las, sah und hörte man viel von den immer dümmer werdenden Jugendlichen, die anstatt sich zu bilden, nur noch vor dem PC, der Spielkonsole oder dem Fernseher herumtrieben. Die viel zitierte “Generation Doof” eben. Dagegen regte sich auch viel Widerstand. In der Kritik werden häufig die digitalen Medien als neue Informationsquelle gehuldigt! [...]

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