Kinderbuch-Spezial – Bibliothekarin
Im dritten Teil unserer Reihe “Kinderbuch-Spezial” gehen wir der Frage “Stirbt das Lesen aus?” auf den Grund. Anlässlich der zehnten Kinderbuchmesse im Ulmer Stadthaus hat das Team der Medienmami dazu die Leiterin der Kinderbuchabteilung der Ulmer Stadtbibliothek, Frau Gabriele Koukol, interviewt.
Wir wollten dabei unter anderem wissen, wie sich das Leseverhalten bei Kindern in den letzten Jahren verändert hat, welche Trends sich abzeichnen und nach welchen Büchern zur Zeit am meisten nachgefragt wird.
Die Kinderbibliothek ist eine eigenständige Abteilung der Stadtbibliothek für Kinder bis 12 Jahre; sie ist aus der Kinder- und Jugendbibliothek hervorgegangen. Die Jugendbücher wurden in die Erwachsenenbibliothek integriert, da die Erfahrungen zeigten, dass Jugendliche eher ungern in die Kinderbuchabteilung gingen, da sie nicht den Kindern zugeordnet werden wollen.
Medienmami: “Frau Koukol, sehen Sie eindeutige Trends hinsichtlich der Lesemenge der Kinder und Jugendlichen?”
Gabriele Koukol: “Die letzten zwei bis drei Jahre hat sich kaum etwas verändert, aber es ist ein statistischer Unterschied feststellbar zwischen heute und vor zehn Jahren: nach wie vor werden große Mengen an Kinderliteratur entliehen, allerdings zunehmend auch andere Medien, wie z.B. DVDs und CD-ROMs, und kaum ein Kind geht ausschließlich mit Büchern aus der Bibliothek. Vor zehn Jahren gab es mehr Vielleser als heute, wohingegen heute die Zahl der Kunden gestiegen ist, diese aber im Durchschnitt weniger Bücher ausleihen. Während früher der Wunsch nach Unterhaltung eher durch Bücher gedeckt werden musste, stehen heute die leichter zu konsumierenden visuellen Medien als Alternative zur Verfügung.”
Medienmami: “Wer hat Ihrer Meinung nach Einfluss auf das Leseverhalten der Kinder?”
Gabriele Koukol: “Ich stelle fest, dass die Eltern die maßgebliche Rolle spielen, bei Kindern Interesse am Lesen zu wecken. Wer früh anfängt, seinen Kindern vorzulesen und Bücher im Haushalt hat, wird sie später einfacher zum Lesen motivieren können. Als problematisch sehe ich eher Eltern an, die gar keine Bücher zu Hause haben, nicht vorlesen und die Kinder unkritisch allen anderen Medienangeboten überlassen.
Natürlich wird versucht, auch im Kindergarten und in der Schule die Kinder ans Lesen heranzuführen, aber dort ist es viel schwieriger, wenn vom Elternhaus her keine Unterstützung kommt. Gerade für die Schulklassen organisieren wir immer häufiger Führungen durch die Stadtbibliothek, um auf diese Art den Schülern die Bücherei vertraut zu machen.”
Medienmami: “Spielen die Eltern bei der Bücherauswahl eine Rolle?“
Gabriele Koukol: “Bei jüngeren Kindern suchen oft die Eltern die Bücher mit aus; manche Eltern nehmen alle von den Kindern ausgesuchte Bücher mit, manche haben schon genauere Vorstellungen und versuchen, diese bei ihren Kindern durchzusetzen.
Wenn sie älter sind, kommen die Kinder meistens alleine. In eher bildungsbürgerlichen Elternhäusern wird versucht, die Kinder an anspruchsvollere Literatur heranzuführen oder sie beispielsweise von Comics abzuhalten. Dann werde ich oft um eine Buchempfehlung gefragt, und muss dabei natürlich aufpassen, dass ich die Kinder mit meiner Auswahl nicht enttäusche, weil etwa das Buch zu langweilig ist.
Hin und wieder kommt es vor, dass ein Kind ein Buch ausleihen will, das für seine Altersgruppe nicht geeignet ist, wie z.B. ein Gruselbuch. Ich bin der Auffassung, dass, wer sich solch ein Buch aussucht, es auch lesen dürfen soll. Wenn das Buch eher Jugendliche als Zielgruppe hat, ist es in der Regel auch schwieriger geschrieben. Anders würde ich es bei visuellen Medien einschätzen, da diese stärker und direkter wirken.”
Medienmami: “Sehen Sie Unterschiede in Bezug auf das Leseverhalten und die soziale Schicht?”
Gabriele Koukol: “Das Leseverhalten hat immer mit dem Bildungsstand der Eltern zu tun. In sozial schwachen Familien wird weniger gelesen, und somit haben auch die Kinder weniger regelmäßig Kontakt zu Büchern. So haben wir zum Beispiel in unserem Buchbestand viele türkischsprachige Bücher, die allerdings relativ selten ausgeliehen werden, da die hier aufgewachsenen türkischstämmigen Kinder zwar ihre Muttersprache sprechen, aber häufig nicht lesen können. Trotzdem freuen sie sich, wenn sie diese Bücher sehen, da sie dies als Aufwertung ihrer Kultur und Sprache betrachten.
Wenn in ausländischen Familien die Eltern kein deutsch sprechen, sollten sie trotzdem ihren Kindern in ihrer Muttersprache vorlesen, um bei ihnen das Sprachgefühl und den Zugang zum Medium Buch zu fördern.”
Medienmami: “Welche Bücher werden eigentlich von Kindern zur Zeit gelesen?”
Gabriele Koukol: “Stark im Trend sind Bücher, die in Serien erscheinen. Selten werde ich nach Einzeltiteln gefragt, öfters heißt es ‘Haben Sie den neuesten Band von Lou+Lakritz?’. Wenn der nicht da ist, dann kann ich Einzeltitel empfehlen. Gefragt sind Titel, die actionreich sind und fantastische Elemente beinhalten. Wenn Kinder alleine aussuchen, spielt das Design des Buchcovers eine große Rolle: es muss bunt sein, poppig aufgemacht sein und Action versprechen. Manche Bücher lesen sich wie das Drehbuch zu einer Vorabendserie.
Mädchen leihen häufiger Liebesgeschichten aus, auch Pferdebücher sind immer beliebt, allerdings werden die Leserinnen immer jünger. Jungs greifen neben Fantasy auch oft zu Sachbüchern. Diese sind wichtig, um Kindern, die wenig lesen, das Buch nahezubringen.
Sachbücher haben sich in den letzten Jahren verändert: sie sind ohne Bebilderungen und viele Photos undenkbar geworden. Die Themen sind immer eng begrenzt, so gab es früher z.B. ein Sachbuch zum Thema ‘Tiere’, heute dagegen Bände zu jedem einzelnen Tier. Was Kindern entgegekommt, die Probleme mit ihrer Konzentration haben, ist die nicht aufeinander aufbauende Struktur der neuen Sachbücher; jeder Aspekt hat eine Doppelseite und wird dort, mit wenig Text und vielen Illustrationen, abgegrenzt behandelt. Das heißt, das Kind kann das Buch überall aufschlagen und sofort einsteigen. Von den Themen her hat sich wenig verändert, gefragt sind nach wie vor Indianer, Ritter, Autos…”
Medienmami: “Können Sie uns einige Bücher nennen, die gut ankommen?”
Gabriele Koukol: “Im Vorschul- oder Kindergartenalter sind die Serie ‘Lou+Lakritz’ sowie diverse Bilderbücher wie z.B. ‘Pettersson und Findus‘ oder der ‘Regenbogenfisch’ gefragt. Für die Grundschule gibt es von einem amerikanischen Autor namens Robert L. Stine die Gruselbuchreihe ‘Gänsehaut‘, ebenso ‘Freche Mädchen…‘ von Hortense Ullrich.
Für die Altersgruppe der Jugendlichen ab 13 Jahren wird häufig die Gruselbuchserie ‘Fear Street‘ vom selben Autor wie ‘Gänsehaut’ verlangt. Angesagt ist auch die Autorin Cornelia Funke mit ihrem neuen Buch ‘Tintenherz‘, das als Jugendbuch fast häufiger von Erwachsenen als von Jugendlichen ausgeliehen wird. Das Phänomen Harry Potter, nach dem alle fragen, gibt es dieses Jahr meiner Meinung nach nicht.”
Medienmami: “Haben Sie noch einige Bücher, die Sie ganz besonders empfehlen können?”
Gabriele Koukol: “Für jüngere Leser (5-6 Jahre, auch zum Vorlesen geeignet) kann ich den ‘Biberburgenbaumeister‘ von Anne und Paul Maar empfehlen. Die beiden Biber Balthasar und sein Sohn Ben bauen Biberburgen. Ben allerdings will lieber einen Turm bauen, Balthasar jedoch hält die Idee für Unsinn, da seine Burgen bewährt sind. Ben zieht sein Vorhaben durch, macht sich selbstständig und baut seinen Turm. Doch dann kommt ein Sturm…
Für etwas ältere Kinder (10-12 Jahre) empfehle ich von der Autorin Kirsten Boie ‘Mittwochs darf ich spielen‘. Die siebenjährige Fabia ist Einzelkind einer typischen Mittelstandsfamilie und wird von ihren Eltern täglich zu einem anderen Programmpunkt gebracht. Nur mittwochs hat Fabia frei und darf spielen. Alle Freundinnen wohnen weiter weg, ohne die Fahrdienste der Eltern kann sie diese nicht besuchen. Eines Tages verreisen die Eltern ohne ihre Tochter und lassen sie von Fabias Tante Pia beaufsichtigen. Diese hat jedoch wenig Zeit, Fabia zu ihren täglichen Aktivitäten zu bringen und zum ersten Mal muss sich Fabia selber um ihre Freizeitgestaltung kümmern… Dieses Buch erzählt eine einfache Geschichte, wobei aber der Ton der Erwachsenen recht typisch getroffen wird.”
Medienmami: “Frau Koukol, wir danken Ihnen für dieses Gespräch!”




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