Kinderbuch-Spezial – Erzieherin
Im vierten und letzten Teil unserer Kinderbuch-Serie wollen wir Ihnen heute ein Interview vorstellen, das wir ebenfalls im Rahmen der Ulmer Kinderbuchmesse 2004 mit einer dort anwesenden Erzieherin geführt haben. Unsere Fragen gingen in eine ähnliche Richtung wie die Fragen an die Bibliothekarin im dritten Teil der Serie.
Hiermit wollen wir die Aspekte aus einer weiteren Perspektive beleuchten:
Medienmami: “Im Kindergarten haben Sie vermutlich mit einer Gruppe von drei- bis sechsjährigen zu tun. Wie sieht es denn dort allgemein mit dem Leseverhalten -sowohl im Kindergarten als auch bei den Kindern zu Hause- aus?”
Erzieherin: “Es geht sehr weit auseinander. Es gibt Kinder, die sehr viel vorgelesen bekommen und deren Eltern großen Wert darauf legen, und es gibt einen verhältnismäßig großen Anteil von Eltern, die mit ihren Kindern nicht lesen. Wir haben in unserem Kindergarten ein Projekt am Laufen, an den Wochenenden unsere Bücher nach Hause auszuleihen, sodass die Kinder vielleicht auf diese Weise in den Genuss kommen.”
Medienmami: “Wie sieht denn der Buchbestand Ihres Kindergartens aus?”
Erzieherin: “Einfach alles, aber natürlich hauptsächlich Bilder- und Märchenbücher, ein paar wenige Geschichtenbücher.”
Medienmami: “Gibt es denn Favoriten unter den Büchern, die die Kinder immer gerne vorgelesen bekommen wollen?”
Erzieherin: “Das ändert sich sehr häufig. Eine Zeit lang musste ich täglich ein Buch vorlesen, in dem es um Angstbewältigung geht: ein Kind muss ins Bett gehen, ein Schatten taucht auf…
Dann gibt es Bücher, die sehr komisch sind, z.B. ‘Malwine in der Badewanne‘ ist zur Zeit ‘in’: Ein Kind bekommt von seinem Onkel zum Geburtstag eine Kaulquappe geschenkt, sie wächst immer weiter und passt eines Tages nicht mehr in die Badewanne und die Eltern wollen sie in den Zoo bringen…
Die Buben fahren hauptsächlich auf Lexika ab.”
Medienmami: „Spezielle Kinderlexika?“
Erzieherin: „Ja, z.B. hat der Herder-Verlag hat ein Kinderlexikon, in dem unter anderem sehr viele Tiere beschrieben sind. Und dann sind die technischen Dinge gefragt. Bei den Jungs ist auch die Reihe ‘Was ist was?‘ aus dem Tessloff-Verlag nach wie vor sehr beliebt: zu einzelnen Themen, wie z.B. Eisenbahn oder Feuerwehr gibt es je einen Band. Mädchen interessieren sich eher für Geschichten jeder Art.“
Medienmami: “Haben Sie in den letzten Jahren Veränderungen bezüglich des Leseverhaltens und der Menge, die ein Kind vorgelesen bekommt, bemerkt? Können Sie insbesondere in den letzten Jahren Unterschiede gegenüber ‘früher’ feststellen?”
Erzieherin: “Ich kriege als Erzieherin in erster Linie mit, ob ein Kind zu mir kommt und vorgelesen bekommen möchte oder eher nicht. Und da gibt es früher wie heute eben Unterschiede: Manche Kinder wollen es, andere eher nicht. Wenn eine neue Gruppe von Kindern dazu kommt, dann merke ich natürlich schon, ob den Kindern zu Hause vorgelesen wurde und wird oder nicht. Diejenigen, die zu Hause kaum Kontakt mit Büchern haben, tun sich sehr schwer, ein Buch bis zum Ende anzuschauen, sie werden schnell ‘zappelig’. Andererseits sind die neuen Kinder in der Regel auch erst drei Jahre alt.”
Medienmami: “Würden Sie sagen, dass die Mehrheit der Kinder vorgelesen bekommt?”
Erzieherin: “Da müssen Sie ganz genau hinschauen, wen sie fragen. Ich arbeite in einem Kindergarten in einer eher ländlich geprägten Gegend, es gibt relativ viele Neubaugebiete. In den Familien der Leute, die dort gebaut haben -das sind natürlich in der Regel die wohlhabenderen Leute, also das Bildungsbürgertum- wird mehr vorgelesen als in Arbeiterfamilien.”
Medienmami: “Zum Schluss noch eine eher persönliche Frage: Haben Sie irgend ein Lieblingsbuch, das Sie besonders gerne vorlesen und daher weiterempfehlen möchten?”
Erzieherin: “Ja, z.B. das oben bereits erwähnte Buch ‘Malwine’ oder auch ‘Irma hat zu große Füße‘. Von Astrid Lindgren gibt es ein bisher unbekanntes Buch ‘Pippi Langstrumpf feiert Weihnachten‘, das erst nach dem Tod der Autorin auf einem Bastelbogen gefunden wurde.”
Medienmami: “Vielen Dank für das interessante Gespräch!”




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