Die Googleisierung der Bildung
Schüler tun es. Studenten tun es. Lehrer tun es. Professoren tun es. Sie tun etwas, was bis vor ein paar Jahren niemand ausgesprochen hätte. Weil es das Wort einfach nicht gab. Sie „googeln“.
Sie googeln nach Informationen. Sie googeln nach Wissen. Sie googeln nach Zufällen. Sie googeln nach Daten. Sie googeln nach ihrem eigenen Namen. Beeindruckend.
Das sie es alle und jederzeit tun, das hat seinen guten Grund. Google ist schnell. Google ist treffsicher. Google ist gut. Google ist gut, weil diese Suchmaschine eine einfache Formel anwendet: Quantität = Qualität. Die Masse entscheidet. Die Masse hat recht.
Eine Webseite zu einem bestimmten Begriff, auf die viele Links von anderen Seiten verweisen, die sich ebenfalls mit diesem Begriff beschäftigen, muss einfach gut sein. Also wandert sie nach vorne bei der Suchergebnisseite. Nach oben. Und überholt dabei mal 30.000 andere Seiten, mal 2 Millionen andere Seiten, mal 16 Millionen andere Seiten. Gleichgültig, wie „gut“ diese anderen Seiten sind. Denn, wie bereits gesagt, was „gut“ ist, entscheidet die Masse der restlichen Webseiten. [1]
Hat dieses Google-Prinzip Auswirkungen auf die (Schul-)Bildung? Ja. Dass dem so ist, darüber muss nicht diskutiert werden. Lehrer bereiten ihren Unterricht mit den Materialien vor, die sie auf den ersten Suchseiten von Google finden. Schüler kopieren sich jene Hausarbeiten und Referate, die Google auf den ersten 2 Ergebnisseiten zum Thema ausspuckt. Studenten nehmen als Grundlage für Ausarbeitungen die Ergebnisse der ersten 5 Google-Resultatseiten, Doktoranden die der ersten 50 Seiten. Diskutiert werden kann und muss aber über Ursachen und Auswirkungen dieser Informations-Googleisierung. Google reduziert. Google reduziert auf Stichwörter. Auf Begriffe. Auf Menge. Auf Bekanntheitsgrad. Ein Prinzip, das sich auch bei bestimmten Büchern findet. Zum Beispiel der Biographie von Dieter Bohlen „Nichts als die Wahrheit“. Die (Massen-)Medien verlinken Bohlen. Sein Bekanntheitsgrad steigt (oder stieg). Als Stichwörter werden „Klatsch“ oder „Tratsch“ eingegeben. Man wird fündig. Aber was hat man von dem Fund? Gut, man soll natürlich nicht ungerecht sein. Bohlen und Google lassen sich nicht vergleichen. Aus einer Vielzahl von Gründen. Aber es bleibt dabei: Google liefert ein reduziertes und minimaliertes Segment aus dem riesigen Internetangebot. Und Google kann auch nicht anders, da ein (Ranking-)Algorithmus eben nur mathematische Beziehungen untersuchen kann und nicht die Qualität eines Inhalts [2].
Trotzdem müsste diese Art von „Informationsbeschaffung“ weiter keine Auswirkung haben, wenn sie nicht auf ein bestimmtes System treffen würde. Und damit sind wir bei den Ursachen. Unser Bildungssystem basiert auf Informationshäppchen. Und je mehr solcher Häppchen jemand sammelt und duplizieren kann, desto höher steigt er in der Bildungshierarchie. Aufstieg in den Noten. Aufstieg in den Schulabschlüssen. Aufstieg im Beruf. Und für ein solches System passt Google. Für ein solches System liefert Google ideale Ergebnisse. So what? …
So what?! Aufregen muss man sich nicht über die Suchmaschinen eines erfolgreichen Unternehmens. Aufregen muss man sich über ein Bildungssystem, das derart von sich selbst eingenommen ist, dass es derartige Zusammenhänge nicht durchschaut. Über ein System, das sich durch Bildungspläne und „Bildungsstandards“ einredet, es würde „Zusammenhänge“ vermitteln, zum „selbstbestimmten Lernen“ anregen, „tiefer“ gehen. Unsinn. Wenn dem so wäre, dann wäre das System nicht so leicht auszutricksen. Das beweisen die täglichen Fälle von hervorragenden Schulnoten, die sich Schüler verdienen, die besser mit Google als ihre Lehrer umgehen können. Was ist zu tun? Schieben wir mal die unzählbaren Konzepte, Ratschläge und Ideen an die Seite, die dem Bildungssystem seit Jahrzehnten aufgedrängt werden, ohne dass sich dieses dadurch sonderlich beeindrucken lässt. Beschränken wir uns auf die Frage, wie man das Internet von der Google-Reduktion zumindest ein wenig befreien kann.
Einer der Wege, sicher nicht der einzige, wäre die (Wieder-)Einführung des … nun, nennen wir es „Katalog-Prinzip“. Also ein Prinzip jenseits der automatisierten mathematischen Algorithmen. Aufstellungen, die – bevor sie beim Suchenden landen – „von Hand“ durchgesehen werden. Von Redakteuren. Von Fach- und Sachkundigen. Damit war YAHOO erfolgreich. Vor Google. [3]
Übrigens: Derartige redaktionell für den Bildungsbereich erstellten Verzeichnisse, Linklisten, Kataloge, Datenbanken gibt es bereits. Und zwar recht viele. Recht gute. Man muss sie nur kennen. Behalten. Aufsuchen. In einer kleinen Sonderreihe werden wir in den nächsten Wochen besonders gelungene Verzeichnisse besprechen. Und verlinken. Damit Sie sich selbst ein Bild machen können.
[1] Es gibt natürlich noch eine ganze Reihe von anderen Kriterien und Prinzipien, nach denen Google sein Ranking vornimmt. Das Pageranking oder Verlinkungsprinzip ist aber zentral für den Erfolg der Suchmaschine.
[2] Ganz so stimmt das natürlich nicht. Zum Beispiel kann die Linguistik sehr wohl zeigen, dass ein mathematischer Zusammenhang zwischen Satzbau und Verständlichkeit des Inhalts besteht.
[3] Um nicht falsch verstanden zu werden: Ich mag Google. Ich finde Google nützlich. Ich wende Google oft an. Es geht mir in diesem Artikel nur darum, auf einen ganz bestimmten Aspekt innerhalb unseres Bildungssystems abzuheben.




15. April 2005 um 23:36
Sehr interessanter und guter Artikel! Vielen Dank.
Dirk.